Sei jemand anderes.

Heute morgen so: okay, dann mach ich mal. Und nach Jahren – Jahren !! – schwupps, war er da. Der Kopfstand. Ganz allein. Ich hab eine Vermutung, wem ich das zu verdanken habe. Eine große Rolle hat dabei gespielt, dass ich mich seit langem mal wieder getraut habe, jemand anderes zu sein.

Letzte Woche war ich auf einem Yoga Retreat. So als Schülerin – nicht als Lehrerin.

Kennt ihr das? Wenn man mal was eine Zeitlang gemacht hat, sei es Steuerberater sein oder Barista, oder Partner oder Mutter oder Kind. Dann ist man das irgendwie auch immer mehr. Und man bekommt Erfahrung in dieser Rolle. Man wächst rein. Man erlebt gewisse Dinge immer mehr in dieser spezifischen Perspektive.

Das ist auch gut so. Vermutlich ermöglicht uns eine gewisse Spezialisierung auch, immer spezifischer werdende Erfahrungen zu machen, und diese Erfahrungen immer weiter zu machen, bis man dann sagen kann: “ Okay, im Espresso zubereiten bin ich echt erfahren. Das kann ich im Schlaf.“

Bei mir ist das so mit Yoga halt 😉 und natürlich hab ich auch im Yoga Lieblingsschwerpunkte. Und je länger ich mich damit beschäftige, desto mehr glaube ich, Dinge zu wissen, einfach, weil ich sie selbst erfahren habe, und nicht aus Büchern gelesen oder so.

Der Knackpunkt: Je mehr ich glaube zu wissen, desto festgefahrener werde ich.

Und dann kann nix Neues passieren.

Die Episode mit dem Kopfstand ist für mich persönlich symbolisch dafür, dass ich mich trotz gewisser Erfahrung in meinem Bereich getraut habe, in eine andere Rolle zu schlüpfen. Die des Schülers.

Ich hab eine Woche lang die Mattenseite gewechselt, hab zugehört, die Klappe gehalten, mit geübt. Bin heimgekommen – und konnte Kopfstand.

Das ist deswegen für mich so ein Riesending, weil ich seit Jahren Beschwerden an der Halswirbelsäule und an der Brustwirbelsäule habe. Und sehr oft, wenn ich Kopfstand geübt habe, weil ichs’s halt unbedingt schaffen wollte, hatte ich danach wochenlang Schmerzen, die meine Asana Praxis stark einschränkten.

Das ganze hat meine Erfahrung, dass ich persönlich mit dem Kopfstand vorsichtig sein sollte, sehr fest werden lassen.

Was einerseits gut ist, weil es immer sinnvoll ist, achtsam mit dem eigenen Körper zu üben. Nur man selbst spürt, was sich gut und sinnvoll und gesund anfühlt.

Was wie in meinem Fall anderseits dazu führen kann, nur noch safe-safe zu machen, nur noch achtsam – und sich gar nicht mehr zu trauen.

Was auch schade ist.

Deswegen bin ich mega dankbar, dass meine sichere Kruste mal wieder aufgebrochen wurde.

Ich hab das Gefühl, dass es bei mir passiert ist, weil ich eine Woche lang in eine andere Haut geschlüpft bin, für mich wars unglaublich erfrischend, eine Woche lang Schülerin zu sein (passiert nur noch selten) und meinen vorgefertigten mindfuck auszuhalten und einfach mal zu machen.

Man kann ja auch mit Achtsamkeit einfach mal machen.

Was dabei rausgekommen ist: Etwas, von dem ich geglaubt hatte, es sei in diesem Leben nicht mehr für mich drin. Und jetzt ist es in diesem Leben für mich drin.

Wenn du Lust bekommen hast – so zur Erfrischung – mal die Rolle von jemand anderem einzunehmen, hier ein paar Ideen:

1. Akzeptiere andere Menschen als Lehrer

Und dabei ist völlig wurscht, ob Lehrer-Lehrer oder ein Freund, dein Partner, dein Kind, deine Mama, deine Oma, dein Opa, die Kassiererin im Supermarkt, der Obdachlose auf der Straße, deine Schüler.

Auch wenn – und gerade dann, wenn du wie ich – schon fertige Konzepte im Kopf hast, wie der Hase läuft (und deine Konzepte mögen okay sein und sie mögen sich auch bewährt haben): Brich ab und zu mal aus deinen Konzepten aus!

Trau dich, die Sache aus der Sicht von jemand anderem zu sehen. Und sich auf seine/ihre Perspektive einzulassen.

Egal, ob du denkst, dass du Recht hast oder der andere. Egal.

Es geht darum, dass du eine neue Erfahrung machst.

Deine Stabilität und Achtsamkeit kannst du ja trotzdem mitnehmen.

Würde ich schon empfehlen.

Ganz praktisch:

Wenn du immer Chef*in bist, sei mal Angestellte*r. Versetze dich in die Sicht, in die Wahrnehmung deiner Mitarbeiter hinein.

Wenn du Angestellte*r bist, sei Chef*in.

Wenn du Mutter bist, sei Kind.

Wenn du Kind bist, sei Mutter.

Wenn du Freundin bist, sei Freund.

Wenn du Freund bist, sei Freundin.

Wenn du Lehrer*in bist, sei Schüler*in.

Wenn du Schüler*in bist, sei Lehrer*in.

Hör anderen zu, auch wenn du denkst: Bla, bla, bla, kenne ich alles schon. Hör wirklich zu. Lass dich auf den anderen ein.

„Wer mutig genug ist, alles hinter sich zu lassen, egal was, vom Haus bis zu alten Verletzungen, und sich auf die Suche nach der Wahrheit macht, sei es nach innen gewandt oder außen, und wer wahrhaft gewillt ist, alles was ihm auf der Reise passiert, als Schlüssel zu betrachten, und jeden, der ihm begegnet, als Lehrer zu akzeptieren, und vor allem der dazu bereit ist, sich unangenehmen Realitäten, die einen selbst betreffen, zu stellen und diese zu verzeihen, dem wird sich die Wahrheit offenbaren.“ ~ Liz Gilbert

2. Mach das Gegenteil

Oder einfach was anderes.

Weil die meisten von uns einfach sehr in ihren Rollen gefangen sind, einen Fulltime Job haben mit oder ohne Familie, Verpflichtungen, Verantwortungen.

Irgendwie läuft jeder Tag gleich.

Und zu viel Routine killt echt alles.

Also brich aus.

Nicht ständig. Mir ist schon klar, man kann nicht ständig ausbrechen und wilde Dinge tun. Kann ich auch nicht. Aber ab und zu.

Und dann:

Wenn du nie feiern gehst und sonst immer um 9 im Bett liegst, geh feiern.

Wenn du zu viel feiern gehst, geh halt mal um 9 ins Bett.

Wenn du immer Pauschalreisen machst, dann fahr allein irgendwo hin – ohne alles durchgeplant zu haben.

Wenn du am liebsten individual reist (wie ich, meistens), dann kann es auch mal eine gute Erfahrung sein, dich in den Rentnerbus zu setzen und nach Connemara zu fahren. Liegt in Irland. Hab ich mal vor paar Jahren gemacht und obwohl’s mir total dagegen geht, hab ich tatsächlich Touri Hot Spots besucht. War saulustig.

Nicht immer und auf Dauer ist cool und individuell cool und individuell. Irgendwann wird’s auch oll und langweilig.

Festgefahren.

Also Hauptsache, du machst es anders als sonst.

Ich sage nicht, dass wie du es sonst machst und wie ich es sonst mache, nicht gut ist.

Es wird sich schon bewährt haben, wie wirs machen.

Ich sage:

Brich aus. Machs anders. Ab und zu.

3. Du kannst neue Erfahrungen machen und trotzdem achtsam sein.

Und nicht kopflos. Kopflos würde ich nicht empfehlen.

Zum Beispiel beim Kopfstand knör dich nicht hoch, hüpfe nicht, pushe nicht, nur weil du eine Erfahrung unbedingt willst.

Mach dein Zeug, bewege dich und atme achtsam, wenn du Asana übst.

Übe weiter.

Dein Körper verändert sich beim Üben. Gib ihm ein bisschen Zeit.

Eine sehr gerundete Wirbelsäule (Brustwirbelsäule) wird nicht lang in drei Tagen.

Sei nett zu dir. Spüre, welche Bewegungen fühlen sich für dich gut an beim Üben.

Bleib beim Üben mit deinem Atem verbunden.

Nimm immer wahr: Ist mein Atem ruhig beim Üben, ist er unruhig?

Und mit dem Atem – deinem Kumpel und Lehrer – zusammen taste dich weiter.

Das ist achstsames Üben.

Und achtsames Üben ist unglaublich stabilisierend.

Übe immer achtsam.

Und von Zeit zu Zeit kitzle dich zu deinen Grenzen hin.

Wo du merkst, oh oh, hinter dieser Grenze lauern die Gefahren. Die Seeungeheuer.

Und du wirst es spüren – an deinem Atem.

Wenn du dich diesen Grenzen näherst, egal ob körperlich oder mental (hängt eh zusammen), dann wird dein Atem schneller.

Dann mach wieder ein bisschen langsamer.

Lass den Atem sich beruhigen.

Und dann taste dich langsam wieder hin.

So habe ich’s mit dem Kopfstand heute früh gemacht.

Und so kannst du es in allen Asanas handhaben.

Und eigentlich in so vielen Situationen in deinem Leben, wo du Mut brauchst.

Was zum Lesen:

Viel Freude beim Üben.

Alles Liebe,
Adrienn

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