Bhakti Yoga – Nackt vor Liebe

Du stehst vor einem geliebten Menschen, der dir wehgetan hat. Kannst du in einem solchen Moment einfach nur lieben, ohne Angst? Und schaffst du das aus eigener Kraft, durch Yoga und Meditation – oder übst du mit Gott?

„There’s a place in your heart and I know that it is love. “  ~  Michael Jackson

Eine meiner Lieblingsgeschichten geht so:

Die Gopis in Nordindien waren Kuhhirtinnen. Sie waren so verrückt vor Liebe zu Krishna, der für bedingungslose Liebe steht, dass sie alles stehen ließen, um zu ihm zu kommen: ihr Kind, ihr Essen, ihren Mann.

In Wirklichkeit waren die Gopis Rishis, hat mir meine Lehrerin Indra erzählt. Rishis sind Weise, Seher. Sie haben so viele Leben damit verbracht, sich einzig und allein auf Gott (Krishna) zu konzentrieren, dass sie schließlich als Liebende wiedergeboren wurden. Gopis sind Liebende. In dieser Form konnten sie Gott am nähesten sein. Sie haben auch mit Gott Liebe gemacht.

Vor Sonnenaufgang gingen sie oft heimlich nackt baden in der Yamuna (ein Fluss) und dachten nur an Krishna und beteten, dass er ihr Mann wird. Als sie badeten, kam Krishna und hat ihre Kleider geklaut. Er hat darauf bestanden, dass sie einzeln nackt aus dem Wasser kommen und ihre Hände in Gebetshaltung über dem Kopf falten. Und obwohl sie vor Angst und auch Erregung zitterten, haben sie’s getan. Sie zeigten sich nackt vor Gott. „The gopis uncovered themselves entirely, even as souls do while surrendering to God. “ ~ Bhagavata Purana

Frage: Kannst du dich vor einem geliebten Menschen, der dir womöglich noch wehgetan hat, so nackt zeigen, wie es die Gopis vor Gott getan haben? Dich nicht verstecken, dich nicht verstellen, sondern dich ganz roh zeigen wie du bist.

Das sind doch die Situationen im Leben, auf die es wirklich ankommt und wo sich zeigt, ob deine ganze spirituelle Praxis funzt: Du, ein geliebter Mensch, die Angst, die Liebe – Was tust du?

„Die höhere Liebe verlangt aber, dass du offen bist, die höhere Liebe verlangt, dass du verletzlich bist. Du musst deine Rüstung ablegen – und das tut weh.“ – Osho

Du kannst eine hohe Form menschlicher Liebe mithilfe von Yoga und Meditation üben, aus eigener Kraft. Wenn du das alleine nicht schaffst, dann gibt es die Option mit Gott. Kann, muss nicht.

Wenn du ohne Gott übst

Ohne Gott ist es tapah svadhaya. Tapah ist Willenskraft. Du musst es wollen und durchziehen. Svadhyaya ist Selbststudium mit Hilfe eines Lehrers und Mantra-Rezitation.

Übst du mit Gott, ist es mit ishvara. Das ist Bhakti Yoga.

„tapah svadhyaya ishvara pranidhanani kriya yogah.“  Yogasutra II, 1.

Wenn du mit Gott übst

Du kannst dich Gott nähern als Freund*in, Diener*in, Mutter, Kind, Ehepartner*in oder Geliebte*r.

Wenn du dich Gott als Liebende*r näherst

Und nicht nur Gott. Wenn du davon ausgehen möchtest, dass Gott im Herzen jedes Lebewesens wohnt, dann näherst du dich ja irgendwie auch dem Kern jedes Lebewesens.

Ich finde diese Denke oft schwer, auch wenn ich tief in mir drin überzeugt bin, dass sie stimmt. Denn was machst du, wenn Menschen dich enttäuschen, verletzen, verlassen? Was, wenn du dich vor dem geliebten Menschen ganz nackt zeigst und er oder sie verliebt sich plötzlich in jemand anders? Sagst du dann: nix für ungut, Licht und Liebe und tschöö….?

Du kannst noch so oft deinen Mut erproben und von Klippen ins Meer springen und nach Indien, Bali und Thailand reisen, dich mit handtellergroßen Spinnen, Dengue-Fieber und deinen inneren Dramen konfrontieren, dir alles raustanzen, singen. Und dann kommst du heim und stehst vor einem geliebten Menschen, der dir krass wehgetan hat.

Schaffst du es in einem solchen Moment, nur zu lieben?

Einen guten Tipp für menschliche Beziehungen hab ich von Petros Haffenrichter auf dem Dach eines Tempels in Indien bekommen:

„Kläre deine Beziehung zu Gott, alle anderen Beziehungen klären sich von alleine.“ ~ Petros Haffenrichter

Deine Beziehung zu Gott ist normalerweise eher persönlich und intim. Idealerweise kennt dein*e Lehrer *in dich und deinen Geist gut und kann dir sagen, wie du am besten Bhakti Yoga üben kannst. Wenn es im Moment keine*n solche*n Lehrer*in in deinem Leben gibt, kannst du dich in etwa so orientieren:

  1. Benenne das für dich persönlich Göttliche.

Wer oder was hilft dir immer, wenn du aus eigener Kraft nicht weiter weißt? Benenne diese Kraft. Das ist ishvara. Wenn das für dich die Bäume sind, dann sind das für dich die Bäume. Oder Jesus. Oder Shiva. Oder Liebe. Oder Mut. Es ist nicht wichtig, wer oder was das Göttliche für dich ist, sondern, welches Gefühl es verkörpert.

  1. Beginne mit Name und Form.

Wann in deinem Leben hast du dich schon mal so gefühlt, wie du dich fühlen möchtest? Welches Bild von Gott verkörpert dieses Gefühl am ehesten?

Und du musst fühlen können, was du fühlen möchtest. Das ist der Knackpunkt. Immer. Arbeite mit dem reinen Destillat dieses Gefühls. Nur Erfahrung bringt echte Veränderungen in deinem Leben und in deinem Geist. Phantasie geht nicht tief genug.

Wenn du ein Bild gefunden hast: Schau es an, mach es dir als Bildschirmschoner aufs Handy, hänge eins neben den Toaster, stell eins auf deinen Altar, leg dir eines ins Auto. So kitzelst du immer wieder „dein Gefühl“ wach. Und dann sing! Ist singen nicht dein Ding, dann rezitiere den Namen Gottes.

  1. Deine Beziehung zum Göttlichen sollte erhebend sein.

Fühlst du dich in dieser Beziehung ruhig, frei, klar, echt gut (sattvisch)? Sie sollte dich an die höchste und schönste Version deiner Selbst erinnern. Die du in manchen Momenten spürst, wenn ein bestimmtes Lied läuft, du die Sonnenstrahlen zwischen den Bäumen siehst, aufs Meer schaust, im Fluss schwimmst und jemanden liebst in einer Art wie wenn Thich Nhat Hanh sagt:

„Dear one, do you have enough space in your heart and all around you?“ ~ Thich Nhat Hanh

 4. Kultiviere deine Beziehung mit dem Göttlichen für dich alleine.

Du kannst die kompletten 8 Stufen von Patanjali (Yogasutra Vers II.29) mit deiner Beziehung zum Göttlichen anreichern.

Du übst Gewaltlosigkeit und spürst, dass jeder –  auch garstige Menschen – im Inneren etwas Göttliches haben und dass du ihnen nicht wehtun willst.

Du übst Yoga-Asana und rezitierst dabei laut oder leise den Namen Gottes, zusammen mit „deinem“ Gefühl.

Du übst Pranayama und sagst dabei im Stillen den Namen Gottes.

In Pratyahara, dem intelligenten Umgang mit deinen Sinnen, schaust du auf einen festen Punkt. Der Herzpunkt ist sehr gut, zwölf Finger oberhalb des Bauchnabels. Du lässt deinen Blick dort und wiederholst im Stillen weiter den Namen Gottes.

Du bleibst bei dieser Übung und lässt die Konzentration noch stärker werden, bis irgendwann der Fokus auf dein Objekt (in diesem Fall das Göttliche) so stark ist, dass du das Gefühl hast, es gibt keine Grenze mehr zwischen dir und Gott.

Dich so stark auf etwas zu fokussieren impliziert: Du wählst, wie du dich die meiste Zeit deines Lebens fühlen willst. Die äußeren Einflüsse liegen nicht in deiner Hand. Sehr wohl aber kannst du beeinflussen, wie du dich fühlen willst.

5. Mit Leuten abhängen, die deine Hingabe stärken.

Sprich satsang. Es allein zu schaffen, ist oft schwer. Jemand, der ähnlich tickt wie du in dieser Hinsicht, kann unglaublich viel Kraft geben.

6. Geh an Orte, wo „dein Gefühl“ spürbar ist.

Ich finde Kirchen total super, da sind nicht umsonst starke Energien. Viele Kirchen wurden auf früheren Kraftorten gebaut.

Eine atmosphärisch starke Region ist für mich auch Nordindien, wo ich vor ein paar Jahren auf Bhakti Reise war. Du läufst viel barfuß, der Boden unter deinen Füßen ist so gehaltvoll, du musst nichts weiter tun und bist verliebt in alles und jeden.

7. Suche Menschen, die erfahren haben, wonach du dich sehnst.

Die verrückt vor Liebe nach Gott sind wie Ramakrishna, ein Heiliger aus Bengalen, der im 19. Jahrhundert lebte. Seine Liebe war so ekstatisch, dass er regelmäßig in Ohnmacht fiel.

Oder ein Kirtansänger wie Krishnadas, der im Bürgerhaus München-Haar vor Hunderten von Leuten singt, Raum knallvoll, und dabei auf der Bühne einfach nur seine Beziehung mit Gott lebt, total wurscht, wer ihm dabei zusieht.

Lies etwas über solche Menschen oder verbringe Zeit mit ihnen. Und das kann auch jemand sein wie meine Oma, die schon als Kind in Gott verliebt war. Ganz normale Menschen halt.

Informiere dich: Haben diese Menschen im Alltag erlebt, was sie vermitteln wollen oder philosophieren sie nur aus der Theorie? Es ist leicht, von hohen Idealen in der Liebe zu sprechen, wenn du nicht täglich den Saustall hinterher räumen musst, den dein Partner in der Küche hinterlassen hat.

Mal wieder meine Lehrer die Mohans: Sie sind krasse Vorbilder für mich, weil sie leben, was sie sagen. Indra hat ihre Liebe zum Göttlichen in ihren Alltag integriert. Sie unterstützt ihren Mann seit mehr als 40 Jahren auf seinem Weg in Yoga. Und das Beste kommt: Mit über 70 kichern sie noch miteinander.

Ein paar persönliche Tipps:

  • Geh auf Kirtans. Das sind “Konzerte”, wo man Mantras in Ruf und Antwort chantet, zusammen mit Musikern beziehungsweise Bhakti Yogis.
  • Um Himmels Willen tanze! Im Wohnzimmer, in Clubs, im Freien, wo deine Musik gespielt wird. Geh auf Ecstatic Dance.
  • Suche das Echte, Uninszenierte + Listen to your heart. Dein Herz lässt sich nicht verarschen.

Reinhören:

·         Wunderschön: ein Kirtan in Vraj/Nordindien mit Petros und Vrajgopi.

 

  • einer meiner Lieblings Kirtans: Petros Haffenrichter, Erhard Dengl, Jan Kahlert in der Yogainsel Nov 2016.

 

  • Extrem erhebend: Nitya Mohans Stimme. Sie kommt 2018 wieder nach Europa und hat mich dieses Jahr so gebeamt mit ihrer Stimme wie selten jemand. Hingehen, wenn du mit Mantra und Klang in deiner eigenen Yogapraxis arbeiten willst. Über Nitya.

Und noch ein paar Lese- und Audio-Tipps:

  • Osho, Liebe, Freiheit, Alleinsein. Buch.
  • Puranas, Göttergeschichten. Gut finde ich die Ausgabe von Ramesh Menon. Einfach googeln: Shiva Purana, Bhagavata Purana.

Viel Freude beim Üben.

Alles Liebe,
Adrienn

Fotos/Video: Tanja Märtz/Karsten Kutza/Adrienn Sümeg/Günther Klebinger

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